Nach den für den Sommer typischen Gewittern und der Hitze der letzten Tage erwartet uns jetzt eine für die Jahreszeit sehr ungewöhnliche Wetterlage, denn ein Sturmtief zieht auf Deutschland zu. Abgesehen von Sturmböen im Zusammenhang mit Gewittern, treten Sturmtiefs bei uns normalerweise nur vom Herbst bis zum Frühjahr auf. Sie entwickeln sich entlang des Polarfront-Jet-Streams, einem Starkwindband in der oberen Troposphäre, das sich an der Grenze von kalter Polarluft zu warmer Subtropikluft bildet. Im Sommer liegt dieser Jet-Stream in der Regel relativ weit nördlich. Zudem sind die Temperaturgegensätze zu gering, sodass sich für gewöhnlich keine größeren Sturmtiefs bilden können, die uns beeinflussen.
Doch zurzeit liegt der Jet-Stream über dem Atlantik ungewöhnlich weit südlich, sodass sich dort ein Tiefdruckgebiet (Zeljko) bilden konnte, das auf einer südlichen Zugbahn Richtung Europa zog. Derzeit liegt Zeljko noch als normales Tiefdruckgebiet vor der Bretagne. Es wird sich jedoch ab dem heutigen Freitagnachmittag noch deutlich zu einem Sturmtief verstärken und im weiteren Verlauf Richtung Nordsee ziehen. Der Grund für die Verstärkung ist, dass noch zusätzlich eine Kopplung an den weiter südlich liegenden, aber schwächeren Subtropenjet stattfindet, der Zeljko mit weiterer Energie versorgt. In Fachkreisen spricht man dann auch von einer sogenannten Shapiro-Keyser-Zyklone (siehe Thema des Tages 16.01.2015). Einige der schlimmeren Stürme, wie Xynthia und Christian waren ebenfalls Shapiro-Keyser-Zyklonen. An ihre Stärke wird Zeljko jedoch bei weitem nicht heran reichen.
Auf der Vorderseite von Zeljko wird mit einer südlichen Strömung heute zunächst feuchte und warme Subtropikluft angezapft und nach Deutschland geführt, sodass die Temperaturen in der Südhälfte noch einmal über 30 °C steigen. Allerdings bedeutet dies auch, dass sich erneut heftige Gewitter mit schweren Sturmböen und Hagel bilden können. Diese entwickeln sich zunächst vereinzelt im Süden, breiten sich aber in der kommenden Nacht weiter in die Nordhälfte aus.
Am Samstagvormittag ziehen letzte Gewitter nach Osten und Nordosten ab. Doch dann greift bereits das Sturmfeld auf der Südflanke von Zeljko von Westen her auf Deutschland über. Die genaue Zugbahn ist aber noch nicht sicher. Derzeit sieht es so aus, dass sich das Sturmfeld im Tagesverlauf von West nach Ost über den Norden und die Mitte ausbreitet und in der Nacht zum Sonntag auf den Nordosten erreicht. Dabei werden verbreitet Sturmböen um 80 km/h (Bft 9) erwartet, vereinzelt auch schwere Sturmböen über 90 km/h (Bft 10). Doch der Sturm könnte noch einige Überraschungen bringen. Denn Shapiro-Keyser-Zyklonen sind dafür bekannt, dass sie einen sogenannten Stacheljet (engl. Stingjet) ausbilden können, in dessen Bereich noch höhere Windgeschwindigkeiten auftreten (siehe Thema des Tages 16.01.2015). Dabei wird an der Südwestflanke des Tiefs in einem relativ eng begrenzten Gebiet durch dynamische Prozesse die Luft in der Höhe aus dem Polarfrontjet in der Form eines "Stachels" nach unten gesaugt. Die hohen Windgeschwindigkeiten im Bereich des Jets werden dabei zum Teil mit nach unten transportiert. Sollte sich so ein Stingjet ausbilden, was aber derzeit nur wenige Modelle simulieren, dann können in einem schmalem Bereich auch schwere Sturmböen mit Geschwindigkeiten um 95 km/h auftreten. Eventuell könnte es dann sogar vereinzelte orkanartige Böen um 105 km/h geben.
Aber auch wenn sich ein Stingjet bildet, wäre Zeljko noch deutlich schwächer als die großen Herbst- und Winterstürme wie zum Beispiel der Weihnachtsorkan Lothar oder der Januarsturm Kyrill. Jedoch könnte es trotzdem ein großes Schadenspotenzial aufgrund der derzeit stark belaubten Bäume geben, die dem Wind eine weitaus größere Angriffsfläche bieten als im Winter. Spaziergänge und Zeltlager in Wäldern sollten dann in den betreffenden Gebieten am Samstag unbedingt vermieden werden. Selbst Autofahrten durch Laubwälder und Alleen könnten zur Gefahr werden. Daher sollte man die Warnlage genau im Auge behalten, dies gilt besonders für Veranstalter von Open-Air-Events sollten die Warnlage genau im Auge behalten. Ständig aktualisierte Warnungen gibt es unter www.wettergefahren.de und in der WarnWetter-App des Deutschen Wetterdienstes.
Dipl.-Met. Christian Herold
Deutscher Wetterdienst