Der Kapdoktor, der das Tafeltuch ausbreitet

Man mag es kaum glauben, aber auch wir Meteorologen streben hin und wieder einen Urlaub an, wo man am liebsten mal nichts vom Wetter wissen oder hören, sondern einfach nur einmal abschalten möchte. Doch hört sich dies viel leichter an, als es in Realität der Fall ist, denn egal wo man hinkommt, das Wetter ist häufig das Thema und letztendlich überall präsent. Aber das Gute ist, dass für die meisten von uns Meteorologen der Beruf auch gleichzeitig ihr Hobby ist und somit das Erleben und Erklären diverser, bis dahin weniger bekannter Wetterphänomene, sehr spannend sein kann. So geschehen bei meinem letzten Urlaub in diesem Jahr.

Der Süden Afrikas war das Ziel und natürlich lag Kapstadt ganz oben auf der persönlichen Wunschliste. Diese, an der Südspitze Südafrikas gelegene Stadt, eingebettet in eine Natur voller teils schroffer Kontraste und unvergesslicher Schönheiten, verzückt Ihre Besucher von Beginn an. Auf die teils gravierenden sozioökonomischen Unterschiede und Probleme soll im Zuge dieses meteorologischen Berichtes jedoch nicht näher eingegangen werden. Kapstadt, die zweitgrößte Stadt Südafrikas mit deutlich mehr als 3.7 Millionen Einwohnern, ist am Fuße einer sehr einprägenden geologischen Begebenheit gelegen, dem Tafelberg. Dies ist ein an dessen höchster Stelle knapp über 1080 m hohes und mit mehr als 430 Millionen Jahren äußerst altes Felsenplateau, von wo aus man in sauberer und trockener Luft eine unvergleichliche Aussicht auf die Stadt und die False Bay (Südatlantischer Ozean) hat. "Klare Luft" ist bereits ein gutes Stichwort, denn nicht selten wird der gewaltige Gesteinsgigant in ein für den Betrachter wie Watte ausschauendes "Wolkentuch" gehüllt. Dieses lässt die teils zerklüfteten Ränder der Berge verschwinden und wird von den Bewohnern Kapstadts liebevoll als das "Tafeltuch" bezeichnet. Um jenes ranken sich natürlich, wie soll es auch anders sein, zahlreiche Mythen und interessante Geschichten. Eine, die mir in einer kleinen Bar in einem Vorort von Kapstadt übermittelt wurde, besagt, dass ein Seemann und ein Fremder eine Wette abschlossen, wer denn der stärkere Raucher sei. Die Wette gewann der eifrige Seemann deutlich. Derweilen stellte sich der Fremde nicht nur als ein schlechter Verlierer, sondern gar als Teufel heraus. Vor lauter Wut ob der Niederlage sperrte er den Seemann in den Tafelberg ein, der von da an im Berg weiterrauchen musste und somit wiederholt das "Tafeltuch" erzeugte. Zugegeben, manchmal können solche Geschichten schöner und einprägender sein als eine rein wissenschaftliche Erklärung, aber urteilen Sie in diesem Fall doch einfach selbst.

Meine Urlaubsreise habe ich Mitte/Ende April durchgeführt und somit zu einer Zeit, wenn ein für diese Gegend charakteristisches Wetterphänomen noch aktiv ist: der sogenannte "Kapdoktor". Nüchtern betrachtet handelt es sich dabei um einen Passatwind, welcher durch ein beständiges und kräftiges Hochdruckgebiet im Südatlantik erzeugt und gelenkt wird. Daher auch sein Zweitname: "South Easter" (z.dt. ein beständiger aus Südost wehender Wind). Seine Stärke verdankt er variablen Luftdruckgegensätzen zwischen eben diesem Hochdruckgebiet und tiefem Luftdruck (z.B. durch die Bildung eines Hitzetiefs dank starker Erwärmung) im Landesinneren von Südafrika. Oft weht er den Besuchern als laues Lüftchen um die Ohren und trocknet die mit Sicherheit zahlreich auftretenden Schweißperlen falsch gekleideter Touristen. Er sorgt aber auch für eine Durchmischung der Luft und reinigt diese. Daher eben auch der liebevolle Name: "Kapdoktor". Doch es gibt auch Tage, da braust der Wind mit Sturm-, teils auch Orkanstärke (Spitzen von über 150 km/h !) durch die Straßen der Stadt und sorgt für entsprechende Schäden. Auch ich konnte beide Seiten des Windes während meines Aufenthaltes erleben: sowohl die sanfte als auch die aufbrausende.

Doch nun aber zurück zum Tafeltuch und der Frage, wie genau es sich ausbreitet. Stellen Sie sich diesen mächtigen und hochreichenden Luftstrom aus südöstlicher Richtung vor, welcher mit über dem Ozean aufgenommener Feuchtigkeit beladen auf den Tafelberg trifft und durch die Orografie plötzlich zum Aufsteigen gezwungen wird. Wenn nun diese Luftmasse bis über 1000 m aufsteigen kann (also über Kammniveau), dort aber an eine sperrige Luftschicht mit höherer Temperatur stößt, die Inversion genannt wird, bilden sich beim Überströmen des Bergmassivs Wolken, das sogenannte "Tafeltuch". Rückseitig des Berges (im Lee), trocknet die Luftmasse beim Absinken wieder ab und in Kapstadt scheint die Sonne. Die Bewohner des Alpenvorland werden sicherlich gleich hellhörig, denn nichts anderes kennen die Menschen dort bei Ihren alpinen Föhnlagen. Die uns bekannte "Föhnmauer" über dem Alpenhauptkamm entspricht nun dem "Tafeltuch" auf dem Tafelberg.

Sinkt die Sperrschicht (Inversion) nun unter das Kammniveau ab, kann die Luft nicht mehr über den Tafelberg strömen und die feuchte Luft gelangt nicht mehr auf das Plateau des Tafelbergs. Das Tafeltuch verschwindet. Dafür muss sich die Luft nun um das Massiv winden und sorgt in solchen Fällen für teils enorme Windgeschwindigkeiten an der Kap-Spitze. Sie sehen also, was so ein einzelnes hinderliches Gebirgsmassiv für Auswirkungen auf das lokale Wetter haben kann und dabei wurden der Übersicht halber noch nicht mal alle möglichen Auswirkungen beschrieben.

Ich konnte die Bildung des Tafeltuchs während meines Urlaubs mehrmals erleben, wobei ein Bild sowohl vom Tafeltuch (Nr. 1) als auch von der Inversion (Nr. 2) unter www.dwd.de/tagesthema zu sehen ist. Beeindruckend ist nicht nur das Aussehen der Wolke, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der die Luftmasse im Lee vom Tafelberg herunterfällt und wie das "Tuch" dabei regelrecht zerrissen/abgetrocknet wird. Es sollte daher nicht verwundern, dass so ein Vorgang auch bei einem sich im Urlaub befindlichen Meteorologen für Staunen und Faszination sorgt!

Dipl.-Met. Helge Tuschy

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 15.07.2015

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