Nun ja, auf den ersten Blick haben Schafe vielleicht nicht unbedingt etwas mit dem Wetter zu tun, aber der regelmäßige Thema-des-Tages-Leser wird an dieser Stelle schon einmal von sogenannten meteorologischen Singularitäten oder auch Witterungsregelfällen gelesen haben. Dabei handelt es sich um Wetterlagen, die zu bestimmten Zeiten im Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit auftreten. Sie weisen eine deutliche Abweichung von einem glatten Verlauf von Temperatur und/oder Niederschlag auf, was sich auch im vieljährigen Mittel widerspiegelt. Eine dieser Witterungsregelfälle ist die Schaf(s)kälte (der Duden kennt beide Varianten).
Merkmal der Schafskälte ist, wie schon der Name suggeriert, ein kühler Witterungsabschnitt, der häufig Mitte Juni (oft wird der 10. bis 12. Juni angegeben) mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 80 % eintritt. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass dieser Zeitraum mit feuchter Witterung einhergeht, liegt hingegen bei 55 %. Dass sich diese Abkühlung auch in den Kurven der über 30 Jahre gemittelten Tagesmitteltemperatur (Klimareferenzperiode 1961 bis 1990) für verschiedene Orte in Deutschland zeigt, können Sie in der Grafik unter www.dwd.de/tagesthema sehen. Da die Hirten traditionell zum Ende des Frühjahrs ihre Schafe scheren, kann es den frisch "rasierten" Schafen - je nach Intensität der Schafskälte - nun ziemlich kalt werden. Bei besonders kalten Temperaturen ist die Situation für die Tiere sogar durchaus gefährlich, weshalb Muttertiere und Lämmer erst nach dem Kälteeinbruch geschoren werden.
Ursache der Schafskälte in Mitteleuropa ist ein Kaltluftvorstoß aus Norden oder Nordwesten. Zu diesem komme es, wenn sich Mitteleuropa am westlichen bzw. südwestlichen Rand eines Tiefdruckgebietes befindet, da auf der Nordhalbkugel der Wind entgegen dem Uhrzeigersinn in Richtung Tief weht. Aufgrund der unterschiedlich schnellen Erwärmung von Land- und Wassermassen ergeben sich bei solch einem Kaltluftvorstoß zumeist große Temperaturunterschiede im Einflussbereich des Tiefs. Im weiteren Verlauf des Sommers gleichen sich Land- und Wassertemperaturen zunehmend an, womit die Kaltluftvorstöße immer geringere Ausmaße haben.
In den vergangen Tagen, also gerade im Zeitraum vom 10. bis 12. Juni, wurde es eher wärmer als kälter. Wenn man aber auf die kommenden Tage schaut, so stellt sich eine nordwestliche bis nördliche Strömung ein, die maritime Luftmassen polaren Ursprungs zu uns nach Deutschland führt. Das macht sich - insbesondere im Vergleich mit den teils heißen Höchstwerten vom Freitag (im Osten am Samstag)- in Form eines markanten Temperaturrückgangs bemerkbar. So hat die Kaltfront eines Tiefs über Schweden am heutigen Sonntag bereits den äußersten Norden und Nordwesten Deutschlands erreicht. Sie kommt aber nur langsam südwärts voran. In der Folge steigen die Höchstwerte im Norden nur auf 14 bis 21 Grad an, wobei es auf den Nordseeinseln am kältesten bleibt. Südlich einer Linie Berlin-Trier wird vielerorts noch einmal die 25-Grad-Marke überschritten, die die Schwelle zu einem "Sommertag" markiert. Zu Beginn der neuen Woche sinkt das Temperaturniveau überall noch etwas. Auf den Nord- und Ostfriesischen Inseln werden 14 Grad erreicht, in Süddeutschland meist Werte um 22 Grad. Nur in der Oberrheinischen Tiefebene können es lokal noch einmal 25 Grad werden. Am Dienstag erwarten wir 14 bis 19 Grad, südlich des Mains auf 17 bis 22 Grad. Die nächtlichen Tiefstwerte liegen besonders im Norden und in der Mitte im einstelligen Bereich (in einigen "Kältelöchern", wie beispielsweise Quickborn in Schleswig-Holstein, lässt sich dabei örtlicher Bodenfrost nicht ganz ausschließen). Am Mittwoch und Donnerstag wird es dann voraussichtlich allgemein wieder etwas wärmer, "Sommertage" bleiben aber selbst am Oberrhein die Ausnahme. Die Schafskälte kommt also zum richtigen Zeitpunkt (je nach Definition ggf. etwas verspätet) und mit einem markanten Temperaturrückgang. Da aber das Temperaturniveau vorher hoch war, kann man wohl aber von "Schafskälte light" sprechen.
M.Sc. Met. Stefan Bach
Deutscher Wetterdienst