In zwei Tagen ist es wieder so weit, die Eisheiligen stehen vor der Tür. Dabei stellen die Eisheiligen eine "Singularität" dar. Dieser Begriff leitet sich vom lateinischen Wort "singularis" - "einzigartig" - ab und bezeichnet in der Meteorologie sogenannte Witterungsregelfälle. Dabei handelt es sich um Wetterlagen, die zu einer bestimmten Zeit im Jahr mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auftreten und für eine markante Abweichung der Wetterelemente vom Mittelwert sorgen.
Bei den Eisheiligen handelt es sich um - je nach Region - drei bis fünf Gedenktage von Wetterheiligen. Namentlich sind das Mamertus am 11., Pankratius am 12., Servatius am 13., Bonifatius am 14. und schließlich Sophie am 15. Mai, allesamt Bischöfe und Märtyrer und eine Märtyrin aus frühchristlicher Zeit. Jahrhundertealte Erfahrungen und Beobachtungen von Bauern gehen davon aus, dass das milde Frühlingswetter erst nach Ablauf der "Kalten Sophie" stabil wird. Eine alte Bauernregel besagt: "Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist." Diese Annahmen lassen sich aber heutzutage nicht mehr ohne Einschränkung bestätigen. Durch eine Reform, die erst im 18. Jahrhundert flächendeckend in Mitteleuropa durchgeführt wurde, verschob sich der Kalender um 11 Tage. Dabei wurden aber die Gedenktage der Heiligen nicht angepasst, wodurch Mamertus und Co. somit eigentlich erst in der zweiten Maidekade auftreten. Treten die Eisheiligen ein, so ist deren Ursache, dass sich das europäische Festland im Mai stärker erwärmt als der Atlantik. Im Übergangsbereich zwischen Warmluft über dem Land und Kaltluft über dem Meer bilden sich Tiefdruckgebiete. Diese führen an ihrer Westseite polare Luftmassen nach Mitteleuropa, die in klaren Nächten für Fröste sorgen können. Eine typische "Eisheiligen-Großwetterlage" besteht dann, wenn z. B. zwischen einem Hochdruckgebiet bei den Britischen Inseln und einem Tief über Fennoskandinavien mit nördlicher oder nordwestlicher Strömung polare Meeresluft nach Mitteleuropa fließt und unter Hochdruckeinfluss gerät.
Und wie sieht es mit den Eisheiligen in diesem Jahr aus? Dazu schauen wir zunächst auf die Großwetterlage, um eventuelle Kaltluftvorstöße auszumachen. Diese sieht allerdings alles andere als "kalt" aus. Am Montag den 11. Mai befindet sich ein Tief nordwestlich der Britischen Inseln. Ihm gegenüber steht ein ausgedehntes Hoch, das sich von Südeuropa bis nach Rußland erstreckt. Sein Hochzentrum kommt dabei voraussichtlich genau über Deutschland zum Liegen. Somit wird mit einer südlichen bis südwestlichen Strömung warme Subtropikluft zu uns geführt. An dieser großräumigen Druckverteilung bzw. diesem Strömungsmuster tritt auch am Dienstag keine grundlegende Änderung ein. Dabei bleibt über Westeuropa und dem nahen Ostatlantik weiterhin tiefer Luftdruck wetterbestimmend, wobei sich das Tief nordwestlich der Britischen Inseln allmählich in Richtung Norwegen verlagert. Auch das Hoch über dem Süden und Osten Europas bleibt weiterhin bestehen. Folglich liegen die Tiefstwerte allgemein im positiven Bereich. Lediglich in ungünstigen Lagen der östlichen Mittelgebirge kann es in der Nacht zum Montag bei Aufklaren zu leichtem Bodenfrost kommen. Aber bereits in der darauf folgenden Nacht bleibt es bei Tiefstwerten zwischen 15 und 4 Grad auch am Boden frostfrei. Am Mittwoch verlagert sich das Tief weiter in Richtung Nordosteuropa und befindet sich am Abend mit seinem Zentrum über Finnland. Vom Atlantik nähert sich bereits das nächste Tief Westeuropa an, wobei das Hoch über Südeuropa weiterhin stationär bleibt. Diese Druckkonstellation führt schließlich zu einer Zweiteilung der Temperaturverteilung. Während in der Nordhälfte mit einer westlichen Strömung bereits kühlere Atlantikluft einfließt, bleibt im Süden Deutschlands weiterhin warme Subtropikluft wetterbestimmend. Aufgrund relativ starker Bewölkung muss im Norden dennoch nicht mit Luftfrost gerechnet werden. Am Donnerstag schiebt sich das derzeit über Westeuropa befindende Tiefdruckgebiet in Richtung Deutschland und verdrängt auch im Süden Deutschlands mit einer westlichen Strömung die Warmluft in Richtung Südosteuropa. Dabei bleibt das Tief über Nordeuropa, mit Zentrum über dem nördlichen Baltikum weiterhin aktiv. Zur kalten Sophie am Freitag liegt Deutschland schlussendlich im Einflussbereich eines riesigen Tiefdruckkomplexes, das sich von West- über Mittel- bis nach Nordosteuropa erstreckt. Dabei gelangen mit einer westlichen Strömung zunehmend kühlere Luftmassen vom Atlantik zu uns. Aufgrund des zunehmend wolkenreichen und wechselhaften Wettercharakters bleiben die Nachttemperaturen bis zum Freitag dennoch im positiven Bereich. Durch den doch eher bescheidenen Kaltluftvorstoß kommt es in den kommenden Tagen also nicht zu den typischen "Eisheiligen-Nachtfrösten", dennoch könnte es zum nächsten Wochenende spannend werden. Mit weiterer Ostwärtsverlagerung dieses Tiefdruckkomplexes und einer Intensivierung des Azorenhochs könnte die Strömung am Wochenende auf Nordwest drehen, sodass maritime Kaltluft polaren Ursprungs zu uns einfließen kann. Ob diese Wetterlage jedoch genau so eintrifft und uns die Eisheiligen, wenn auch etwas verspätet, die letzten Nachtfröste bescheren, ist durchaus noch sehr unsicher.
M.Sc.-Met. Andreas Würtz
Deutscher Wetterdienst